Anthroposophie und Kitsch

Aus der Macht, die alle Wesen bindet,
befreit sich der Mensch, der sich selbst überwindet
.“ [1]

– Johann Wolfgang von Goethe

In dem schmalen, aber inhaltlich schwer verdaulichen Buch Politischer Kitsch [2] liefert der deutsche Philosoph Alexander Grau [3] folgende Definition des Begriffs Kitsch:

„Kitsch ist Weltflucht im Jargon der Eigentlichkeit. Er gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist. Und er beansprucht einen Wert, der ihm nicht zukommt. Kitsch will täuschen. Folglich täuscht er doppelt: Er täuscht all jene, an die er sich richtet. Noch mehr aber täuscht der Kitsch diejenigen, die ihn erschaffen, in dem Glauben, sie seien aufrichtig.“ [4]

Darüber hinaus bezeichnet Grau das, was er „esoterische Medizin“ nennt, als „den sichtbarsten Ausdruck des Kitschdenkens in der spätmodernen gesellschaftlichen Entwicklung“. [5] Hier, so Grau weiter, „sammelt sich alles, was das Kitschbewusstsein hochhält und heiligt: die Abkopplung von der Wirklichkeit, die Erzählung einer parallelen Geschichte, die Betonung von Gefühlen gegenüber der Vernunft, die Zuckerglasur über die Welt, der Versuch, historisches ‚Wissen‘ mit der Moderne zu verbinden, sowie eine utopische Vision, in der alle Gegensätze aufgehoben sind.“ [6]

Auf der Negativliste der Zutaten von Graus „esoterischer Medizin“ finden sich Homöopathie, Anthroposophie, traditionelle chinesische Medizin, Heilmethoden, Pendeltherapie, Blütenmedizin sowie Edelstein- und Farbtherapie. Gemeinsam ist all diesen Formen dieser zuckerglasierten Verirrung, dass in ihnen „… das Kitschbewusstsein der Spätmoderne die ersehnte Weltharmonie findet, die Auflösung aller Gegensätze, die Antwort auf irrationale Bedürfnisse und das Gefühl, dass auch private Kleinigkeiten ernst genommen werden.“ [7] Hätte Grau sich die Mühe gemacht, sich mit der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft näher auseinanderzusetzen, hätte er rasch feststellen können, dass man dort von „Weltharmonie“ und einer „Auflösung aller Gegensätze“ weit entfernt ist. Die Geschichte der Gesellschaft und der Anthroposophie ist vielmehr eine Geschichte von Gegensätzen in nahezu jeder Form und Ausprägung, von Rivalitäten, Verleumdungen und Ausschlüssen.
Aus der Überzeugung heraus, im Besitz des einzig wahren Verständnisses der Anthroposophie und der Gesellschaft zu sein, hat man – im übertragenen Sinne – die eigenen Kinder in einem Ausmaß verschlungen, auf das jede revolutionäre Elite stolz sein könnte. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft kaum von derjenigen der kommunistischen Parteien unter Stalin und Mao. Rudolf Steiner selbst war gegen Ende seines Lebens von der Gesellschaft derart enttäuscht, dass er erwog, sich zurückzuziehen und einen Orden mit nur wenigen Mitgliedern zu gründen. [8]

Ein selbstständiges Individuum kann eine lästige Angelegenheit sein. Es widerspricht, stellt Fragen, erkennt Dinge, die andere nicht sehen, denkt Gedanken, die andere nicht denken, und fällt in Gruppenzusammenhängen leicht aus dem Rahmen. Doch es ist gerade das Individuum, das in den vergangenen zweitausend Jahren für jede kulturelle Innovation und Erneuerung verantwortlich war. Bei Grau hingegen ist das spätmoderne Individuum lediglich ein Störfaktor. Es steht nicht nur im Bann seiner eigenen Gefühle, sondern erweist sich im Hinblick auf Verstand und Vernunft auch als ein anti-autoritärer Opportunist:

„Denn das Individuelle eines Individuums ist gerade nicht seine Vernunft oder sein Verstand. Beide besitzen allgemeine Gültigkeit. Das Individuelle, das nach Individualität strebt, sind seine Eigenheiten, kurz gesagt: seine Gefühle. Deshalb genießen Gefühle und Emotionen in hochindividualisierten Gesellschaften einen außerordentlich hohen Stellenwert. … Der subjektive Zustand wird zum einzig gültigen Maßstab.“ [9]

Vor diesem Hintergrund stellt Grau die Anthroposophie auf eine Stufe mit den übrigen Zutaten jenes Hexengebräus, das er als „esoterische Medizin“ bezeichnet. Um dies zu erreichen, muss Grau jedoch auf Magie zurückgreifen. Wie ein Zauberkünstler zieht er Kitschkaninchen aus dem Hut und lässt historische Tatsachen zugunsten einer Erzählung beiseitetreten, in der die Illusion die Wirklichkeit ersetzt. Damit steht er jedoch selbst bis zum Hals im Kitschkleber.

„Der absolute Kitsch der Spätmoderne ist seinerseits ein unmittelbarer Ausdruck von Empfindungen, Sehnsüchten und individuellen Träumereien. Der absolute Kitsch ist nicht länger ein Propagandamittel, sondern ein Denkmuster – deshalb ist er absolut. Hier wird nicht – wie in der klassischen Moderne – Ideologie auf kitschhafte Weise verbreitet, um das Denken zu manipulieren. Das Denken selbst ist kitschig geworden.“

Dies, so fährt Grau fort, sei die „unvermeidliche Konsequenz der Individualisierungsprozesse der Moderne“. [10]

Doch ebenso wenig wie die Anthroposophie als eine bloße Fata Morgana aus dem Nichts entstanden ist, ist die Aussage, dass „das Denken selbst kitschig geworden ist“, eine „unvermeidliche Konsequenz der Individualisierungsprozesse der Moderne“. Vielmehr ist sie eine unvermeidliche Folge der Begegnung zwischen dem Denken nach Kant [11] und einer mechanistisch ausgerichteten Naturwissenschaft. Nach Kant kann das Ding an sich („Ding an Sich“) nicht erkannt werden. Die Wirklichkeit ist nicht so, wie sie uns erscheint. Was sie ist oder wie sie beschaffen ist, können wir nicht wissen, sondern lediglich vermuten. Tiefere Lebensfragen werden letztlich zu einer Frage des Glaubens, nicht des Wissens. In der Begegnung zwischen dem Denken nach Kant und einer mechanistisch ausgerichteten Naturwissenschaft wird Moral auf Konvention reduziert und das individuelle „Ich“ auf physiologische und chemische Prozesse. Alles ist eine Ansammlung von Zufällen, und das Einzige, was sicher bleibt, ist das Chaos. Dennoch – und vielleicht gerade deshalb – suchen die Menschen, zumindest vorläufig noch, nach einer Bestätigung dafür, dass ihr Leben einen Wert besitzt, der über das rein Vergängliche hinausgeht. Ob man dies nun als „Zuckerglasur“ bezeichnet oder nicht: Die entstandene Leere muss in jedem Fall ausgefüllt werden. Da jedoch seit Kant Grenzen für das Erkennbare gesetzt wurden und die Begriffe an eine naturwissenschaftliche Terminologie gebunden sind, bleibt dem passivierten Denken nichts anderes, als diese Leere mit Kitsch zu füllen. „Der fantasielose Mensch schafft keine moralischen Ideen“, heißt es beim jungen Steiner. [12] Die Vorstellungswelt trocknet aus; Disneyland läuft auf allen Kanälen. Das Denken selbst ist kitschig geworden.

Die erwähnte Begegnung zwischen dem Denken nach Kant und einer mechanistisch ausgerichteten Naturwissenschaft bildete auch den geistigen Schnittpunkt, an dem der junge Rudolf Steiner bei den Vorarbeiten zu dem stand, was später zur Anthroposophie werden 

sollte. Während die mechanistisch orientierte Naturwissenschaft immer neue Gebiete eroberte, hatte das Denken nach Kant stillschweigend als eigenständiger und unabhängiger Entdecker bei der Erforschung der Wirklichkeit abgedankt.

Der junge Steiner vertrat die Auffassung, dass die Passivität des Denkens darauf zurückzuführen sei, dass Kant und seine Nachfolger nicht über das Denken selbst nachgedacht hätten, sondern lediglich über dessen Ergebnisse, Begriffe und Kategorien. In seinen erkenntnistheoretischen Schriften [13] aus den Jahren 1892 und 1894 beschreibt Steiner, wie eine bewusste Beobachtung der eigentlichen Denktätigkeit – das Denken über das Denken – neue, aktive Möglichkeiten für das Verständnis des Individuums von sich selbst und seiner Zugehörigkeit zur Welt eröffnet. Die entsprechende Antwort, wenn man so will, auf die mechanistisch ausgerichtete Naturwissenschaft fand der junge Steiner in Goethes Forschungsmethode. Goethe hatte in seinen naturwissenschaftlichen Studien eine anschauende Betrachtungsweise angewandt. Ein Beispiel dafür ist Goethes Verwendung des Begriffs der Urpflanze. Die Urpflanze ist eine universelle und stets gegenwärtige Idee, die in jeder einzelnen Pflanze ihren Ausdruck findet. Durch seine langjährige Beschäftigung mit Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten zeigt Steiner, wie Goethes Betrachtungsweise die Grundlage für eine neue Entwicklung naturwissenschaftlicher Erkenntnis bildet. [14]

Legt man hingegen Graus eingangs formulierte Aussage als Beschreibung eines allgemeinen Trends in den heutigen Waldorfschulen zugrunde, erweist sich Graus Rezept für „esoterische Medizin“ bisweilen als treffende Situationsbeschreibung. Denn die Pädagogik wird zum Kitsch, wenn man das spezifisch Pädagogische der Waldorfschulen lediglich als ein Werkzeug unter vielen anderen pädagogischen Werkzeugen betrachtet und sich von ihrem Fundament – der Anthroposophie – distanziert oder dieses schlicht ignoriert. Dann gibt man vor, etwas zu sein, was man nicht ist, und beansprucht Werte zu besitzen, die man tatsächlich nicht hat. Nimmt man Graus Kitschverständnis wörtlich, werden dadurch Schüler, Eltern und die eigentliche Intention der Schule gleichermaßen getäuscht. Man mag sich selbst als frei denkend, radikal und kritisch verstehen und den Bruch mit Steiner und der Anthroposophie stolz als Paradigmenwechsel bezeichnen. In Wirklichkeit aber ist man zu einem spätmodernen Bannerträger des Kitsches geworden. Eingehüllt in eine zuckerglänzende Verpackung serviert man genau dasselbe konforme Begriffsverständnis, das überall sonst in den Schulen des Einheitsstaates vorherrscht.


[1] Aus: Die Geheimnisse: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet / Befreit der Mensch sich, der sich überwindet“.

[2] Alexander Grau: Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität. Document Forlag, Oslo 2021, S. 61.

[3] http://alexandergrau.de

[4] Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität., S. 1.

[5] Ebd., S. 61.

[6] Ebd., S. 61.

[7] Ebd., S. 61.

[8]  Karl-Martin Dietz: Was ist ethischer Individualismus? Antropos Forlag, Oslo 2020, S. 134.

[9] Politischer Kitsch, S. 63.

[10] Ebd., S. 63.

[11] Das norwegische Store norske leksikon gibt folgende Definition von Kants Ding an sich: Das Ding an sich ist die Wirklichkeit, wie sie unabhängig von unserer Erkenntnis von ihr an sich besteht. https://snl.no/Ding_an_sich

[12] Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, Antropos Forlag, Oslo 2008, S. 186–187.

[13] Rudolf Steiner: Wahrheit und Wissenschaft, Antropos Forlag, Oslo 2009, GA 3, und Die Philosophie der Freiheit, Antropos Forlag, Oslo 2008, GA 4.

[14] Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller, Antropos Forlag, Oslo 2009, GA 2; Einleitungen und ausgewählte Kommentare zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, erstmals erschienen in Kürschners Deutscher Nationalliteratur, zuletzt in überarbeiteter und erweiterter Ausgabe im Herbst 2022, Rudolf Steiner Verlag, Basel 2022, GA 1; Goethes Weltanschauung, Antropos Forlag, Oslo 2007, GA 6.

Übersetzt aus dem norwegischen Originaltext von 2023

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