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Selbsterkenntnis in der Zeit der Ratlosigkeit, Teil 1

Lorenzo Ravaglis monumentales dreibändiges Werk Selbsterkenntnis in der Geschichte – Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert [1] umfasst insgesamt 1721 Seiten. Band 1 mit 520 Seiten behandelt die Jahre 1875–1952, Band 2 mit 585 Seiten die Jahre 1953–1982 und Band 3 mit 616 Seiten den Zeitraum 1983–2000. Die vorliegende Betrachtung nimmt ihren Ausgang bei Band 1.
Zu Beginn erläutert Ravagli seine Methode. Kurz lässt sie sich folgendermaßen zusammenfassen: „Selbsterkenntnis bedeutet immer auch, andere zu verstehen und die Bedeutung zu erkennen, die andere für die eigene Geschichte haben.“ [2] Auf dieser Grundlage nähert sich Ravagli einem Verständnis der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und des Nebels aus Misstrauen und Missverständnissen, angereichert mit leicht entzündlicher Esoterik von hoher Oktanzahl, der sich nach Rudolf Steiners Tod über den Höhenzug außerhalb von Dornach senkte. Es geht um Intrigen, Klatsch und einen erbitterten Kampf darum, wer sich am meisten dazu berechtigt fühlt, Steiners Erbe weiterzuführen. Und es ist die Geschichte davon, wie der Schweizer Dichter Albert Steffen [3] von seiner zunächst tastenden Suche in seiner neuen Rolle als amtierender Vorsitzender dazu übergeht, sich immer mehr Macht zu sichern und schließlich eher als selbstgerechter Alleinherrscher denn als integrierende Führungsfigur hervortritt. Marie Steiner lässt ihrerseits nicht lange auf sich warten, wenn es darum geht, ihre Meinung kundzutun. In einem Brief am Tag nach Steiners Einäscherung äußert sie große Skepsis gegenüber Steffens Eignung als amtierendem Vorsitzenden und fährt fort: „Ich habe klar erkannt, dass unser Vorstand, so wie er jetzt ist, vaterlos in seiner Kindheitsstufe, ein Nichts ist.“ [4]
Steffens Unfähigkeit, als konstruktive und integrierende Führungsfigur aufzutreten, zeigt sich auch darin, dass er während mehrerer Generalversammlungen damit droht, sein Amt niederzulegen, sofern er mit seiner Position nicht durchdringt. In einem Fall verlässt er sogar den Saal, um zurückgeholt zu werden, als die Stimmung zu seinen Gunsten umschlägt. Heute würde man ein solches Verhalten als Machtausübung oder Manipulation bezeichnen. Gegenüber den Teilnehmern jedoch, die autoritätsgläubig mitten in einem emotional aufgewühlten Meer aus Gerüchten und Anschuldigungen stehen und vor allem keinen wirklichen Einblick in die Sachverhalte haben, sind die Drohungen wirksam. Denn hinter der Angst, dass Steffen tatsächlich zurücktreten könnte, verbirgt sich vermutlich eine noch größere Furcht: sich eingestehen zu müssen, dass man nach Steiners Tod im Grunde Wind und Wetter ausgeliefert war. Diese existenzielle Angst war keineswegs unbegründet:
„Steiner starb am 30. März 1925, nur von wenigen Menschen umgeben, in seinem Atelier neben der Schreinerei. … Und er hinterließ eine ratlose Gesellschaft, eine Gesellschaft, die sich bis heute nicht mit dem Verlust ihres Gründers abgefunden hat. … Er starb, ohne einen Nachfolger zu benennen, und seine letzten Worte waren Schweigen.“ [5]
Dass man nicht auf das Schweigen hörte, sollte sich in gewisser Hinsicht als schicksalhaft erweisen. Der Vorstand, den Steiner während der Weihnachtstagung 1923/24 eingesetzt hatte, war als ein esoterischer Vorstand zu betrachten. Als er die Leitung der Gesellschaft übernahm und sie neu begründete (Weihnachtstagung), wurden die Anthroposophische Gesellschaft und die Bewegung eins. (Steiner verwendet die Bezeichnung „Bewegung“ für seine eigene Rolle, solange er nicht Mitglied der Gesellschaft war.) Mit seinem Tod treten zwei Fragestellungen hervor, die direkt oder indirekt in Form anderer Konflikte den weiteren Verlauf beeinflussen: Ist die Gesellschaft, die im Dezember 1925 Steffen zum Vorsitzenden wählt, dieselbe Gesellschaft, die Steiner während der Weihnachtstagung 1923/24 begründet hat? Und ist der Vorstand nach seinem Tod weiterhin esoterisch, oder handelt es sich um ein Verwaltungsorgan?
Die Frage der esoterischen Sukzession prägt die Gesellschaft wie ein schwelendes Geschwür während der Jahre, die Band 1 umfasst. Auch den Ausschluss von Ita Wegman und Elisabeth Vreede im Jahr 1935 (ein Jahr vor den Moskauer Schauprozessen und dem Spanischen Bürgerkrieg) kann man im Licht derselben ungelösten Situation betrachten. Nach Steiners Tod versuchte Ita Wegman aus eigener Initiative, die esoterische Arbeit fortzusetzen, unter anderem indem sie Klassenstunden hielt. Dies stieß von mehreren Seiten auf hartnäckigen Widerstand, unter anderem von Marie Steiner und Albert Steffen.
Mit Steiners Tod fällt möglicherweise der wichtigste Baustein weg: die Bewegung. Und mit ihr der esoterische Strom, der eine unerschöpfliche Quelle für immer neue Betrachtungsweisen und Impulse gewesen war. Ganz gleich, wie begabt Steffen als Dichter war – dem Begriff „Bewegung“ konnte er keinen neuen Inhalt geben. Niemand konnte es. Etwas anderes zu glauben, ist eine Illusion. Die Gesellschaft war die Form, die Bewegung der Inhalt. Nach Steiners Tod bleibt die Form allein zurück. Das bedeutet wiederum, dass die Gesellschaft und der Vorstand unmöglich als dasselbe angesehen werden können wie jene Gesellschaft und jener Vorstand, die Steiner von der Weihnachtstagung 1923/24 bis zu seinem Tod am 30. März 1925 leitete. Insofern spielt es keine Rolle, was seinerzeit in das Handelsregister eingetragen wurde, weder von wem noch wann, wie viele Änderungen und Umformulierungen der Statuten der Weihnachtstagung man im Laufe der Zeit vornahm oder welche Gesellschaft was ist. Mit Steiners Tod war der esoterische Strom unwiderruflich abgerissen.
Auf der Generalversammlung vom 25. Dezember 1925 schlug Friedrich Rittelmeyer [6] Steffen als Vorsitzenden „für alle Zukunft“ vor. [7] Man hat den Verlust Steiners noch immer nicht verwunden. Mehrere der Anwesenden leben bereits seit längerer Zeit in Dornach und sind in vielfältiger Weise mit den zahlreichen Aktivitäten der Gesellschaft verbunden. Der Gedanke, alles aufzugeben und als geistig heimatlose Nomaden in den Metropolen der Welt zu leben, ist wenig verlockend. Denn diesem Leben hat man sich gewidmet, und auch wenn die Gesellschaft von Intrigen und Konflikten geprägt ist, hat man immerhin einander und gehört zumindest einer Gemeinschaft an.
Wenig ist leichter, als Ereignisse im Nachhinein aus sicherer zeitlicher Distanz zu kritisieren. Dennoch stellt sich die Frage, ob man aus Bequemlichkeit nicht den Weg des geringsten Widerstands gewählt hat. Oder anders formuliert: Sind die Wahl Steffens zum Vorsitzenden und die Tatsache, dass man die Form der Gesellschaft gewissermaßen auf Autopilot beibehielt, ein weiterer Ausdruck eben jenes konventionellen Gewohnheitsdenkens, das bereits lange vor der Weihnachtstagung wie eine lähmende Hand über der Gesellschaft gelegen hatte und Steiner schließlich vor die Wahl stellte, sich zurückzuziehen oder in die Gesellschaft einzutreten und sie von innen heraus zu erneuern?
Ita Wegman hat beschrieben, wie Steiner in der Zeit vor seinem Tod die Begegnung mit dieser lähmenden Hand erlebte: „Diese Vorträge ermüden mich überhaupt nicht“, sagte Rudolf Steiner … „Diese Vorträge halten mich gesund … Was mich ermüdet, sind die toten Gedanken, die einem entgegenkommen, es ist der Mangel an Verständnis, es ist das Nichtverstehen der Menschen, das einen lähmt.“ [8]
Dies sagte er nicht etwa nach einer Redaktionssitzung bei der Klassekampen oder nachdem er im Fernsehen eine Debatte zwischen norwegischen Parteivorsitzenden gesehen hatte, sondern nach Begegnungen mit den Mitgliedern in Dornach.
Zu Steffens Verteidigung führt Ravagli an, dass Steffen ein zutiefst unpolitischer Mensch gewesen sei, der jede Form von Vereinsarbeit ablehnte [9] – was an sich bereits eine schlechte Ausgangslage für die Aufgabe des Vorsitzenden der Gesellschaft gewesen sein muss. Steiners Tod, so Ravagli weiter, habe ihn in eine Rolle gedrängt, von der er vermutlich nie geträumt hatte (Steiner hatte ihn bewusst zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, damit Steffen seine Zeit leichter seiner Dichtkunst widmen konnte). [10] Doch trotz alledem – trotz seiner künstlerischen Berufung, der Unruhe und der Konflikte – muss Steffen sich als Vorsitzender dennoch vergleichsweise wohl in seiner Position gefühlt haben, die er rund 38 Jahre lang innehatte, bis zu seinem Tod im Jahr 1963. Es lässt sich nicht ausschließen, dass die Verantwortung, die er Rudolf Steiner gegenüber empfand, schwerer gewogen haben könnte als alle anderen Erwägungen. Rittelmeyers panegyrische Äußerung, Steffen solle Vorsitzender „für alle Zukunft“ sein, könnte dieses Empfinden noch zusätzlich verstärkt und ihm das Gefühl vermittelt haben, the chosen one zu sein.
Im Jahr 1930 treten die Spaltungen innerhalb des Vorstands erstmals mit voller Wucht zutage. In den folgenden Jahren erscheint der Höhenzug außerhalb des Dorfes Dornach über weite Strecken wie ein spirituelles Schlachtfeld. Steffen gegen Wegman, Wegman gegen Marie Steiner, Marie Steiner zunächst gegen Wegman, dann gegen Steffen und Wachsmuth, und Elisabeth Vreede gegen Steffen. Die Ausschlüsse von 1935 treffen nicht nur Ita Wegman und Elisabeth Vreede, sondern auch mehrere jener Menschen, die bei der Weihnachtstagung anwesend gewesen waren. Die Liste war lang und umfasste Landesgesellschaften und Fraktionen innerhalb derselben – alles von Ravagli sorgfältig dokumentiert. Der Kampf nimmt viele Formen an, doch entscheidend ist die Frage, worum es bei dieser Auseinandersetzung eigentlich geht. Der Kern des Streits, schreibt Ravagli, ist die Frage der esoterischen Sukzession, also die Frage, wer den esoterischen Strom weiterführt (oder die „Bewegung“ repräsentiert).
Auf einer Delegiertentagung im August 1946 behauptet Steffen hartnäckig, der damalige Vorstand sei derselbe „esoterische Vorstand“, den Steiner während der Weihnachtstagung eingesetzt habe. [11] Doch ein „esoterischer Vorstand“ habe schon lange vorher aufgehört zu existieren, kommentiert Ravagli. [12] Es mag durchaus sein, dass Steffen dies ehrlich und aufrichtig meint. Doch so absurd die Forderung nach Wissenschaftlichkeit im Hinblick auf die Klassenstunden ist, so wenig erhält man automatisch esoterische Einsicht dadurch, dass man zum Vorsitzenden des Vorstands gewählt wird. Steffens Behauptung erweist sich ohnehin aus mehreren Gründen als widersprüchlich, nicht zuletzt deshalb, weil der Vorstand seit 1935 mehr oder weniger dysfunktional gewesen war und nur noch aus zwei aktiven Mitgliedern bestand: Albert Steffen und Günther Wachsmuth. Letzterer bleibt während Steffens konservativer Führung ein umstrittener und etwas undurchsichtiger Unterstützer Steffens.
Eine Gemeinschaftsbildung ist auch die Begegnung mit sich selbst im anderen. In einer ursprünglich so freiheitlich angelegten Gemeinschaftsbildung wie jener Gesellschaft, die Steiner während der Weihnachtstagung begründete und bei der das einzige Kriterium für die Mitgliedschaft darin besteht, dass man eine Berechtigung in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sieht, [13] ist die Selbsterkenntnis des einzelnen Mitglieds entscheidend, wenn ein bewegliches zwischenmenschliches Verständnis entstehen soll. In Gemeinschaftsbildungen wie politischen Parteien oder religiösen Gruppierungen wird dieses Verständnis vom Individuum weg und auf Parteiprogramme oder religiöse Gesetze verlagert, wie etwa auf die Scharia im Islam. Von den zentralen Gestalten Albert Steffen, Marie Steiner und Ita Wegman ist Marie Steiner diejenige, die am frühesten und deutlichsten die Begrenztheit ihrer selbst und der anderen erkennt. Wie in der Kunst, so auch im Leben.
[2] Ravagli; Selbsterkenntnis … Bind 1, S. 18
[3] 1884–1963, Schweizer Dichter und Dramatiker
[4] Ravagli, S. 113
[5] Ravagli,S. 103. Das Zitat ist etwas gekürzt.
[6] 1872–1938, deutscher Theologe, Gründer der Christengemeinschaft.
[7] Ravagli, s. 123
[8] Ita Wegman: Erinnerungen an Rudolf Steiner, Verlag des Ita Wegman Institute, Arlesheim, 2022, S. 41 (meine Übersetzung)
[9] Ravagli, S. 121
[10] Ravagli, S. 121
[11] Ravagli, S. 419
[12] Ravagli, S. 420
[13] Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1994, S. 50
Übersetzt aus dem norwegischen Originaltext von 2025
Copyright John Michael Hudtwalcker, 2025
