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Selbsterkenntnis in der Zeit der Ratlosigkeit, Teil 2

Die folgenden Betrachtungen beruhen auf dem zweiten Band von Lorenzo Ravaglis dreibändigem Werk Selbsterkenntnis in der Geschichte – Anthroposophishe Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert [1], der 585 Seiten umfasst und die Jahre 1953–1980 behandelt.
Bis 1963 ist Albert Steffen weiterhin Vorsitzender und Günther Wachsmuth, der Schatzmeister der Gesellschaft, sein treuer Unterstützer. Die Temperatur ist nach wie vor hoch, die Gegensätze unversöhnlich und die Ratlosigkeit ebenso groß. Die Ursache für all die Uneinigkeiten liegt laut Ravagli darin, dass es der Gesellschaft nach Steiners Tod nicht gelungen war, die radikale Selbsterkenntnis zu praktizieren, die er zur Voraussetzung für geistige Erkenntnis gemacht hatte. Die Frage ist, ob man es überhaupt versucht hatte. Dort, wo man aus Erkenntnis hätte handeln sollen, so Ravagli, siegten Gier, Hass und Wahnvorstellungen. [2] In den vorangegangenen Betrachtungen [3] erwähnte ich, dass konventionelles Gewohnheitsdenken zusammen mit einer leicht entzündlichen esoterischen Vorstellungswelt schon lange wie eine lähmende Hand über der Anthroposophischen Gesellschaft gelegen hatte. Ravaglis „radikale Selbsterkenntnis“ glänzte bereits vor 1925 durch ihre Abwesenheit. Mehr als 25 Jahre später ist die Situation dieselbe. Bezeichnend dafür ist, dass Albert Steffen auf einer Generalversammlung im Dezember 1957 zum ersten Mal einräumte, dass „unter den Mitgliedern eine weitgehende Unklarheit über die Konstitution der Gesellschaft herrscht“ und dass „alles in Unsicherheit schwebt“. [4] Die Unklarheit und Unsicherheit sind sehr verständlich. Die Vorträge der Weihnachtstagung wurden erst 1944 veröffentlicht, zwanzig Jahre nach ihrer Abhaltung. [5] Doch 1944 tobt noch immer der Zweite Weltkrieg, und die Möglichkeiten, die Veröffentlichung außerhalb der Schweiz zu erhalten, sind so gut wie nicht vorhanden. Das wiederum bedeutet, dass die große Mehrheit der Mitglieder noch Jahrzehnte nach der Weihnachtstagung keine Möglichkeit hatte, sich selbstständig mit der Tagung oder der Neubegründung der Gesellschaft auseinanderzusetzen.
Ravagli stellt denn auch die höchst berechtigte Frage, auf welcher Grundlage die Gesellschaft seit Steiners Tod eigentlich gearbeitet hatte. Dass man es nach seinem Tod unterließ, sich dieselbe Frage zu stellen, wurde zu einer Wunde in der Seite, die nicht heilen sollte, sondern im Gegenteil zum Nährboden für immer neue Auseinandersetzungen wurde.
Während die Gesellschaft bis Mitte der 1960er-Jahre im Wesentlichen noch immer mit denselben Themen beschäftigt ist wie in den vorangegangenen Jahrzehnten und es den Anschein hat, als sei die Zeit in den vergangenen 35 Jahren auf dem Höhenzug außerhalb von Dornach stehen geblieben, werden die folgenden Jahrzehnte hingegen ganz im Zeichen des Wandels stehen.
Im Jahr 1965, dem Jahr, in dem der Vietnamkrieg beginnt und die Mitglieder der Beatles mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet werden, beschließt der Vorstand unter seinem neuen Vorsitzenden Rudolf Grosse [6], den Verkauf der Veröffentlichungen des Nachlassvereins mit Steiners Büchern im Goetheanum zuzulassen (die Bücher konnten ohnehin direkt im Büro des Nachlassvereins gekauft werden, das nur einen Steinwurf entfernt lag). So umstritten diese Entscheidung auch war, kündigte sie dennoch an, dass schon bald weitere und weitaus größere Veränderungen am Horizont auftauchen würden. Einige Jahre vor der ersten Mondlandung 1969 zeigen sich nämlich die ersten Anzeichen für das, was in den folgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden internationalen Aufschwung der Anthroposophie werden sollte. Während Mao und die Kommunistische Partei Chinas, in einer weiteren Alptraumversion marxistischer Paradiesträume, eine Kulturrevolution inszenieren, die rund 20 Millionen Menschen das Leben kostet, legen Waldorflehrer, anthroposophische Ärzte und biodynamische Landwirte die Keime für eine ganz andere und weitaus friedlichere Kulturrevolution.
Charakteristischerweise gehen die Initiativen nicht von der Gesellschaft aus, sondern von dem, was Steiner die „Tochterbewegungen“ nannte. [7] Ein Beispiel ist die Eröffnung des anthroposophischen Krankenhauses in Herdecke im Jahr 1969. Das Ereignis, schreibt Ravagli, steht in erfreulichem Gegensatz zu den deprimierenden Generalversammlungen, [8] die häufig geradezu als Antithese zu der von ihm immer wieder eingeforderten „radikalen Selbsterkenntnis“ erscheinen. Sich selbst und die eigene Persönlichkeit zurückzunehmen, scheint eine unüberwindbare Herausforderung zu sein. Der Drang, die eigene Stimme zu hören, ist stärker als das Bedürfnis nach Besinnung. Der freundliche und sympathische, wenn auch etwas naive Rudolf Grosse versucht, die Ratlosen mit mythologischem Spinn zu beruhigen: „Eines ist sicher: Er (Steiner) hat die Anthroposophische Gesellschaft nicht verlassen, denn sie war seine Schicksalsverbindung. Und wir verlassen ihn nicht.“ [9]
Manche mögen eine solche neureligiöse Aussage als beklemmend empfinden, weil sie den Mitgliedern und ihrer Mitgliedschaft schwere moralische Verpflichtungen auferlegt. Man kann sie aber auch als den Versuch verstehen, in einer Gesellschaft, die sich mit ihren endlosen, emotional aufgeladenen Diskussionen nur noch um sich selbst dreht, einen höheren gemeinsamen Bezugspunkt zu finden. Aktuelle Berichte aus den Tochterbewegungen in Bereichen wie anthroposophische Medizin, Landwirtschaft, Pädagogik usw. werden meist mit dem Hinweis abgetan, dass man wichtigere und dringlichere Angelegenheiten zu behandeln habe. [10] Allerdings beginnen die Früchte der Arbeit der Tochterbewegungen in den 1970er-Jahren deutlich sichtbar zu werden, als sie eine neue Generation junger Menschen anziehen. Diese neue Jugendgeneration sucht nach Alternativen zu den etablierten Strukturen der Gesellschaft, und die Tochterbewegungen erfahren allmählich ein geradezu explosionsartiges Interesse. Gleichzeitig zeichnen sich die Konturen einer Problematik ab, die mit der Zeit immer deutlicher hervortreten wird: eine zunehmende Distanz zwischen Zentrum (der Gesellschaft) und Peripherie (den Tochterbewegungen). Bereits Anfang der 1980er-Jahre warnte Jørgen Smit davor, dass die „stürmische Expansion“ der Schulbewegung unter einem Mangel an Substanz leide. [11]
Die Fragestellung fällt aus dem Rahmen des Buches, dessen Anliegen die Geschichte der Gesellschaft ist, nicht die ihrer Tochterbewegungen. Ravagli begnügt sich daher damit, das bereits erwähnte mahnende Zitat von Jørgen Smit wiederzugeben. In meinen Augen birgt die Fragestellung ein Paradox: Auf der einen Seite steht ein Mangel an Substanz – einen Begriff, den ich hier im Sinne eines Mangels an geschulten Anthroposophen verstehen möchte –, auf der anderen Seite das expansive Wachstum der Bewegungen. Man versuchte, dieser Situation durch die Gründung einer Reihe von Ausbildungsstätten zu begegnen. Doch Einführungskurse in Anthroposophie und Steiner-Pädagogik vermitteln lediglich ein abstraktes und oberflächliches Verständnis. Soll die Methode mehr sein als bloßes Kathederwissen und eine Frage pädagogischer Technik, muss sie aus einem Erleben von Lebensnotwendigkeit hervorgehen:
„Daher können nur solche Menschen Anthroposophen sein, die gewisse Fragen über die Welt und das Wesen des Menschen als Lebensnotwendigkeit erleben, so wie man Hunger und Durst erlebt.“ [12]
Das Fehlen eines solchen Erlebens führt mit der Zeit dazu, dass die Tochterbewegungen verkümmern und ihr geistiger Wertegrund erodiert. Den vorherrschenden Denkströmungen ihrer Zeit ausgeliefert, wird die ideelle Leere zunehmend mit leicht verdaulichen Klischees und vereinfachten marxistischen Begrifflichkeiten ausgefüllt. Zu behaupten, die Steiner-Pädagogik könne sich von der Anthroposophie lösen, ist daher, so meine ich, ebenso abwegig, wie mit verbundenen Augen zu behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Ohne Rudolf Steiner und die Anthroposophie hätte es keine dieser Tochterbewegungen gegeben – und folglich weder die Waldorfschulen noch die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Die Problematik liegt außerhalb des Rahmens der Buchintention, die sich mit der Geschichte der Gesellschaft und nicht mit jener der Tochterbewegungen beschäftigt. Ravagli begnügt sich daher damit, das erwähnte warnende Zitat von Jørgen Smit wiederzugeben.
In den 1970er-Jahren nimmt der Zustrom von Schülern zu den Waldorfschulen rapide zu, während zugleich überall seit Langem ein chronischer Mangel an qualifizierten Lehrern herrscht. Die prekäre Situation führt zur Gründung weiterer Ausbildungsstätten für Waldorfpädagogen. Nach Jahrzehnten eines Dornröschenschlafs muss die plötzliche Welle des Interesses aus der Außenwelt wie eine befreiende und zugleich überwältigende Bestätigung all dessen gewirkt haben, worauf man gehofft und wofür man gelebt hatte. Endlich wird man wahrgenommen. Endlich ist der lang ersehnte Durchbruch da. Insofern ist es verständlich, dass man das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt und „all in“ geht. Zunächst schafft dies tatsächlich Abhilfe. Doch eines ist es, den flüchtigen Bedürfnissen der Gegenwart zu begegnen; etwas anderes ist die Erkenntnis, dass der gewaltige Zustrom eine reale Gefahr der Verflachung in sich birgt. Jørgen Smit charakterisiert die Situation folgendermaßen: „Man wird eingesogen, alle Kräfte strömen hinaus, und die große Aufgabe ist eigentlich diese: Wie können wir in dieser zunehmenden Aktivität die zentralen Kräfte der Anthroposophie genügend stärken, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt?“ [13]
Die Zahl der aktiven Mitglieder ist nach wie vor gering, und die Herausforderungen – insbesondere der Kampf gegen staatliche Bürokratie und mächtige Kapitalinteressen, allen voran in der pharmazeutischen Industrie – erscheinen oft unüberwindbar. Denn im Gefolge der Gründung neuer Schulen, heilpädagogischer Einrichtungen, Krankenhäuser usw. tritt zunehmend auch ein immer stärker werdender Widerstand zutage. Doch auch die Gesellschaften selbst befinden sich im Umbruch. Nach den politisch stabileren und ruhigeren Jahrzehnten der 1950er- und 1960er-Jahre ist die 1970er-Jahre von einer zunehmenden politischen Radikalisierung geprägt, besonders in Deutschland, wo die inzwischen welkeren Blumenkränze der Hippies den Maschinengewehren der Rote Armee Fraktion (RAF) weichen. Während eine radikale Linke versucht, die Welt durch Terror und politische Morde zu erlösen (RAF), bemühen sich die Anthroposophen, den sozialen Fragen der Zeit durch eine praktische Verwandlung des alltäglichen Lebens zu begegnen. Eine der Persönlichkeiten, die Ravagli in diesem Zusammenhang besonders hervorhebt, ist der Arzt Gerhard Kienle, [14]Gründer des anthroposophischen Krankenhauses in Herdecke. Mit begrenzten Mitteln und unerschöpflicher Energie wirkte er – und es ist bis heute sein Verdienst –, dass die anthroposophische Medizin eine solche Stärke und Bedeutung erlangen konnte. Die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft in den 1970er-Jahren lässt sich daher auch als die Geschichte des unermüdlichen Kampfes einzelner Menschen gegen die vorherrschenden Denkströmungen ihrer Zeit lesen: gegen die verantwortungslose Flirtbereitschaft der akademischen Welt mit dem Marxismus, gegen mächtige Kapitalinteressen und gleichgültige Politiker sowie gegen eine wachsende öffentliche Bürokratie, genährt vom unersättlichen Appetit des Staates, die Kontrolle über das Individuum von der Wiege bis zur Bahre an sich zu ziehen. Denn im Mahlstrom der Kontroversen und Missverständnisse, von denen die Gesellschaft geprägt ist, verliert man leicht den größeren Zusammenhang aus dem Blick:
„Die Menschheit ist nun einmal in die Epoche eingetreten, in der sie ihre Kräfte frei gebrauchen kann, und die Menschheit muss diese freien Kräfte wirklich handhaben können. Das heißt, die Menschheit selbst muss entscheiden, ob sie die Spiritualität haben will oder nicht. Will sie sie haben, dann ist ein Fortschritt der Menschheit möglich. Will sie sie nicht, dann ist der Untergang des Abendlandes besiegelt.“
Doch, so betont Ravagli, war Steiner kein Prophet, sondern ein Geisteswissenschaftler. Während die Prophezeiungen des Propheten dazu bestimmt sind, den Willen einer fernen und unerreichbaren Gottheit zum Ausdruck zu bringen, ist der Geisteswissenschaftler ein Forscher in der Wirklichkeit des Geistes. Bei Steiner war der geschichtliche Verlauf keineswegs vorherbestimmt. Dafür spielt die menschliche Freiheit eine zu große Rolle. Künftige Ereignisse können angedeutet oder in Umrissen skizziert werden – doch alles hängt vom freien Willen des Menschen ab.
[2] Ravagli, S. 23
[3] AiN, Nr. 3/2024
[4] Ravagli, S. 40
[5] Michael Birnthaler: Rudolf Steiner und die Weihnachtstagung, S. 178, Edition Weltenwandler, Freiburg 2023
[6] Rudolf Grosse, 1905–1994, Vorsitzender von 1966 bis 1984
[7] Ravagli, S. 121
[8] S. 118
[9] S. 160
[10] S. 121
[11] S. 516
[12] Rudolf Steiner: Antroposofiske ledesetninger («Antroposophische Leitsätze»), S. 14, Antropos Forlag, Oslo 2009
[13] S. 235
[14] 1923–1983, https://anthrowiki.at/Gerhard_Kienle
Übersetzt aus dem norwegischen Originaltext von 2025
Copyright John Michael Hudtwalcker, 2025
